Zehn ziemlich unscharfe Tage
Ich leide unter Isolation, mir ist dauernd schwindelig und ich wäre heute
fast gestorben. Das klingt nicht nur arg, das ist arg! Wem ich diesen fatalen
Zustand zu verdanken habe? Eh klar - der Augenärztin. Bevor ich am Mittwoch
gelasert werde, hat sie mich dazu verdammt 10 Tage (Z.E.H.N. T.A.G.E. L.A.N.G!)
Brillen zu tragen. Und wir reden hier nicht von modischen Eyecatchern, die mir
diesen superintelligenten Sekretärinnenlook verpassen. Wir reden von
zentimeter-dicken Aschenbechern, verkehrt trapierten 8,5 Dioptrien-Lupen in
einem auffälligen Gestell, die gewaltsam meine Nase niederschweren. Und ich
schwöre, das ist noch untertrieben!
Bald ist Tag 7 vorbei und sitze mit Blasenpflaster, tränenden Augen und Muskelkater
auf der Couch, während mein Mann das Leben mit Freunden feiert. Merkt ihr was?
Gut. Mitleid ist nämlich mehr als angebracht. Und ich hab mir das echt verdient, wie ein Rückblick auf die letzte Woche beweist:
Brillen-Tag 1
Es ist Sonntag. In Goisern ist Bierzelt plus Kirtag.
Heißt: Jeder, absolut jeder, der dort arbeitet, lebt, ein Gspusi, eine Familie
oder wasweißich hat, lässt sich hier blicken. Natürlich geht es am
„Familiensonntag“ wenig um die obligatorische Bierzelthenne. Das Motto ist beinhart: Sehen und gesehen werden. Zerreissen und zerrissen werden. Du kannst
der Hund, oder eben der Baum sein. Meine Rolle war mir dank der Aschenbecher schnell zugeteilt. Darum habe ich P. vor dem Ausflug dorthin auch angejammert, er solle doch auch seine Brille
tragen, damit ich mich nicht alleine so schirch fühle. Männer von kranken Frauen rasieren sich doch auch immer die Haare. Zumindest war das bei Sex and the City
so... P. schmettert meine Bitte ab, schwafelt was von innerer Schönheit und
macht mir dann ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Hässlichkeit mit Krebs
vergleiche. Irgendwann später an diesem Tag hocke ich wie eine Trauerweide (mit Brillengestell) in der letzten Reihe des Zeltes und konzentriere mich auf
die ketchupgetränkten Pommes vor mir. Schwer ausatmend flüstere ich mir zu: Es kann nur besser werden.
Brillen-Tag 2
Nichts ist besser! Es ist Montag und ich muss wieder zur
Arbeit. Beim Autofahren kann ich Abstände nicht anständig einschätzen und zucke
jedesmal wegen des Brillengestelles über, unter und neben mir zusammen. Im Büro
angekommen, erschrickt erst meine Kollegin. Dann mein Kollege. Dann der Postler.
Keiner traut sich mir die Wahrheit zu sagen und alle finden Umschreibungen wie:
„Soo arg klein sind deine Augen damit jetzt auch nicht. Dein Gesicht schaut
nicht schirch, nur halt sehr sehr anders aus.“ Ich verstecke mich den ganzen Tag
hinter meinem Bildschirm und tippe, als hinge mein Leben davon ab. Um fünf lauere
ich mit meiner Visage noch der Putzfrau auf, um dann unter lebensgefährlichen
Umständen wieder heim zu kriechen.
Brillen-Tag 3
Brillen-Tag 3
Man gewöhnt sich an alles. Auch an Hässlichkeit. In der Arbeit
wird meine Optik hingenommen. Alle, die es (nicht) interessiert, kriegen meine
Laser-Geschichte zu hören. „Krass wäre ja, wenn das für immer so bliebe“, starrt
mich mein Kollege an. Ich bewerfe ihn mit einem nassen Tee-Sackerl und
verstecke mich wieder in meinem Büro. Eh nur noch 7 Tage.
Brillen-Tag 4
Immer noch fu*king 7 Tage! Zurückhaltend klopft meine
Chefin an meine Bürotüre. Ich würde seit Tagen nicht mehr Mittagessen gehen und mich
hier schier verbarikatieren. Sie schlägt mir Home Office vor. Ich nehme erleichtert an. Am Abend mache ich Yoga und spüre das erste Mal, wie extrem
hart diese schwere, fette Brille eigentlich auf meine Nase drückt. Ich
ignoriere den Schmerz, danke P. dass er mich noch nicht verlassen hat und gehe
schlafen. Morgen ist alles wieder gut.
Brillen-Tag 5
Besonders scheiße. Ich komme zwar super mit der Arbeit
daheim voran, kämpfe mittlerweile aber immer ärger gegen meine Nasendruckstelle, indem ich versuche die Brille mithilfe von Gesichtsfratzen anders zu positionieren. Das
macht mir Kopfweh und Falten. Und mir ist schwindelig.
Brillen-Tag 6
Nachdem ich die Frau im Spiegel die letzten Tage nicht
erkannt habe, habe ich mich auch geweigert sie übermäßig zu pflegen. Kein
Mensch sieht durch diese fetten Gläser, ob meine Augenbrauen gezupft sind oder ich geschminkt bin. Seit heute Nacht
trage ich außerdem ein Blasenpflaster direkt auf der Nase. Es soll meine offenen
Hautstellen vor diesem Monster-Kunststoff schützen. So und im Joggingoutfit
gehe ich einkaufen. Dort – der Klassiker – treffe ich auf die Ex meines Mannes.
Also auf eine von ihnen. Sie lächelt mich mitleidig an. Ich huste, um eine
Krankheit vorzutäuschen. Kranke dürfen immerhin schirch sein. Versuche ich ihr
telephatisch zu vermitteln.
Brillen-Tag 7
Heute war ich wandern. Ohne Sonnenbrille blendet mich
jeder goldene Herbststrahl und ich will mich mit niemanden unterhalten. Weil
ich keine Distanzen und Höhen mit der Brille abschätzen kann, gebe ich nach und
lasse mich von Familienhund Buddy auf den Berg rauf- und wieder
runterschleifen. Einmal stürze ich beinahe ab. Meine erste Fast-Nahtoderfahrung,
die Gott sei Dank harmlos ausgeht. Ohne Brille hätte ich ja nicht mal
die Bilder gesehen, die wie ein Film vor meinem inneren Auge abgelaufen wären... Was für ein mieser Abgang... In drei Tagen sehe ich jedenfalls endlich ohne Kontaktlinsen und ohne Brille. Und meine
Augenärztin fragt mich hoffentlich, wie mir die letzten zehn Tage getaugt
haben...



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