Der Wert des Wortes

Mein Gegenüber zwinkert höflich-distanziert und stellt mir in Aussicht „Freunden von meinem Können zu erzählen“. Dann nehme ich einen süßlich-nassen Händedruck entgegen. Ich fühle mich unehrlich, beleidigt und sogar ein bisschen benutzt ...

Was klingt wie das pathetische Ende eines One-Night-Stands, den ich nie hatte, ist weit weniger anrüchig aber genau so skurril. Passiert: gestern. Schon wieder.
Es ist ja kein Geheimnis: Meine große Leidenschaft gehört keinem eigenen Lifestyle-Blog, bei dem ich 1000 Fotos im Monat von mir hochlade, weil ich mich geil finde. Oder dem Backen. Oder einer adrenalinschwangeren Sportart. Oder erdmagma-tiefgehendem Wissen über irgendwas Außergewöhnliches. Ich bin so viel unaufregender. Ich liebe es einfach zu schreiben.

Ich hau die Buchstaben in die Tasten, ohne dabei groß nachzudenken und bin danach gespannt, wenn ich das Schwarze am Weiß lesen kann. Es ist wie Yoga und Bungee Jumpen gleichzeitig. Abschalten und fliegen. Bei mir sein.
Darum schreibe ich ständig irgendwas. Kurzgeschichten. Gedichte. Zweizeiler. Ausformulierte To-Do-Listen und bummvoll gefummelte Geburtstags-, Hochzeits- und Weihnachtskarten.
Ich verwandle Mails und Facebook-Nachrichten in Trainingsplätze, bei denen jeder Ballwechsel eine neue Aufforderung bedeutet. Es ist das einzige „Hobby“, in das mein Herzblut fließt. Was irgendwie traurig klingt, weil es so banal erscheint. Auf eine gewisse Art ist es das auch. Ich gehe in etwas auf, das jeder in der Schule lernt und täglich tut ...

Bei all der selbstempfunden Gewöhnlichkeit, gibt es aber Leute, die hinter dieser Belanglosigkeit eine glitzernde Notwendigkeit erkennen. Die selbst nicht so gut mit Worten spielen können oder wollen. Die aber wissen, was man mit Buchstaben auf einem Blatt Papier machen kann. Dass damit der Atem ersticken, oder die Seele tanzen könnte. Sie wissen, dass ein roter Faden und die richtige Reihenfolge von Worten ein neuer Job sein kann, oder das Salz in einer Artikelsuppe. Sie erkennen, dass man damit etwas weiten und die Gedanken wie Federn aus den Fenstern segeln könnten. Sie sehen, dass Worte die optimierte Form von dem sein können, was sie immer sein wollten. Und dann melden die sich bei mir.
Sie beauftragen mich einen Pressetext zu schreiben. Oder eine Bewerbung. Oder einen Artikel, der das, was sie verkaufen polieren und glänzen lassen soll.
Und ich? Ich tue es. Ich schreibe für Familie, Freunde, Bekannte und Unbekannte. Mit Liebe und Freude und ohne auf die Uhr zu schauen. Ich schreibe über Jubilare und Blumen und Schuhe und von Schneeräumungen und Wäldern. Ich spinne Ideen über Vorstellungen und Ziele und darüber, wie der Absender ist und was er nach außen sein will. Ich bemühe mich. Und tue alles, was mit Ideen, einer Tastatur und zehn Fingern möglich ist.

Und ehrlich: Das ist ein arschvoll Arbeit. Es sind oft Stunden – in selbstkritischen Phasen Tage. Es ist eine Form von Handwerk. 
Tja und dann liefere ich ab. Wie man es erwartet hat. Alle sind glücklich. Bis es um den Preis geht. Die Bezahlung für etwas, das man nicht angreifen – nur lesen kann.
„Danke fürs Schreiben Steffi, ich spendier dir mal einen Spritzer.“ „Wow. Super Text über unsere Musik! Wir schicken dir eine CD.“ Oder mein Favorit: „Boah, das war sicher viel Aufwand. Aber du kannst das eh. Da geht das nebenbei, gell?“

Und ihr ahnt es: Jetzt kommt der Händedruck. Oder ein Emoji in einem Facebook-Chat. Oder ein DANKE in Versalien mit einem pochend roten Herzerl dahinter.
Lange war das für mich okay, weil ich es nicht hinterfragt, sondern hingenommen habe. Mittlerweile fühlt es sich aber komisch an. Und ein bissl nach Verrat an mir und meiner Lebenszeit.
Weil obwohl ich es aus tiefer Seele gerne mache, es mehr wert sein sollte, als bunt dekorierte Phrasen, spontan erfundene Versprechungen und feuchte Finger zwischen meinen.

Kommentare

  1. Liebe Steffi, du schreibst mir aus dem Herzen. Auch wenn ich nicht ganz so treffend formulieren kann und meine Worte nicht ganz so hoch fliegen, trifft mich das Thema. Meine Leidenschaft sind Bilder - alles visuelle - und auch da glauben viele das geht so nebenbei. Weil ich es ja gerne mache. Weil es ja so viele Hobbyfotografen gibt, die das auch gratis machen oder für ein Essen, für ein paar nette Worte oder am besten für "wir schreiben auch dein copyright dazu und verlinken dich auf unserer Seite". Der Fehler war: Ihr habt von Anfang an zugesehen und mitgemacht. Wir haben zu oft ja gesagt. Viele machen es nur nebenbei, müssen nicht davon leben. Wenn die Leidenschaft zum Business wird, sieht alles anders aus. Dann kommt die Kalkulation ins Spiel. Wenn Verlässlichkeit zur Pflicht wird, Lohnnebenkosten und Versicherungen zu zahlen sind, geht das alles nicht mehr für ein Lächeln. Jeder der gratis oder für low budget beginnt, tut sich später schwer, für seine Dienstleistung Geld zu verlangen und nimmt denen, die davon leben müssen Arbeit weg. Also: Von Anfang an sagen, was euere Arbeit wert ist. Nur dann könnt ihr eueren Selbstwert auch langfristig garantieren.

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    1. Danke für deinen Kommentar, Doris. Du hast vollkommen recht. Gerade aus der Sicht derer, die ihr Hobby zum Hauptberuf gemacht haben.

      Auch Dinge, die langsam wachsen, sind irgendwann groß und dann steht man vor den Schwierigkeiten, mit denen man sich am Anfang nicht befassen wollte.
      Nicht um einer Branche zu schaden, sondern aus Unwissenheit.
      Vielleicht ist man zu lange naiv. Zu gutmütig oder glaubt selbst, nicht gut genug zu sein, um Forderungen stellen zu können.
      Es ist wichtig, dass der Wert von kreativen, nicht greifbaren Arbeiten anerkannt und auch wertgeschätzt wird.

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