Gelb-Blaue Geschichten

Irgendwie mag ich Ikea nicht. Ich habe die skandinavische Kette sogar ziemlich lange für das Scheitern meiner letzten Beziehung mitverantwortlich gemacht. Immer wieder haben wir den gelb-blauen Riesencontainer als Verliebte betreten und sind, gebrainwashed von Möbeln mit Vornamen, wie Kampfhähne rausgestürmt. Bestimmt hätten wir länger funktioniert, wären wir Ikea fern geblieben. Mindestens acht bis zehn Wochen!
Ikea als Beziehungskiller - der wohl schwerwiegendste Grund, warum ich die schwedische Lagerhalle ausschließlich alleine betrete. Und dann nur, wenn ich wirklich sehr dringend etwas gezielt kaufen will, es vorher schon im Internet ausgesucht und die Örtlichkeit der Lagerung ausfindig gemacht habe. So auch gestern.
Das ungute Gefühl kommt schon in der automatischen Drehtüre. Mit dem aufdringlichen Luftstoß von oben, der einen sauber blasen soll, beginnt die unheimliche Transformation in etwas sehr Gereiztes. Drinnen angekommen vermischt sich nämlich eine Gefühlssuppe aus unbewusst unterdrücktem Tatendrang und schwerem Minderwertigkeitskomplex.
Jedes mal will mich Ikea bloßstellen und mir beweisen, dass ich meine Wohnsituation und damit mein Leben nicht im Griff habe.
Laut den Superschweden sollte ich tausend kreative Verstauideen haben, Gießkannen als Vasen zweckentfremden und mit wilden Einrichtungs-kombis aus Punkten und Streifen und Schachteln und Stühlen Style und gleichzeitig Ruhe in mein Daheim bringen. Alles ist so innovativ und über den Tellerrand gedacht und dabei noch stimmig. Wah!
Neben der Philosophie des "Godfathers of
Selbstaufbaumöbel" halte ich aber auch die Massen nicht aus, die sich hier durchschieben. Ganze Sippen, die sich zwischen Köttbullar Fleischbällchen und Endlosgetränken inspirieren lassen. Da sind Paare, die stundenlang über Wandfarbe diskutieren und Freundinnen, die gemeinsam Erwachsenenbesteck mit Spielzeugfiguren drauf aussuchen. Mal dran gedacht, dass das genau für zweimal Abendessen lustig ist, dass einen eine unförmige Zeichentrickente deppert von der Gabel aus angrinst?!
Aber das ist bei weitem nicht alles: Bei Ikea schmeißen sich Kinder in der für sie konzipierten Abteilung auf den Boden und plärren was von Busa. Der Begriff wurde sicher extra ihrer Sprache angepasst und ist eigentlich ein grüner Spieltunnel. Mütter sind entnervt und lassen die Kleinen „in Ruhe ausspinnen“, während sich ihre Mienen den Partnern zugeneigt gewitterartig verdunkeln.
Schwangere schieben sich im offensichtlich 12. Monat durch die Pflanzenabteilung und besprechen sich angeregt über den idealen Übertopf. Ich kenn´ mich da ja nicht so aus, aber was zur Hölle veranlasst einen in diesem Stadium seines Lebens dazu, sich mit Zierutensilien zu beschäftigen??? Diese Frauen werden da unten in sehr absehbarer Zeit einen Menschen rausdrücken müssen und sie denken an Deko. An DEKO?!

Ja und dann treffe ich noch die unzähligen Flüsterpärchen. In allen Ausführungen. Ein er greift beispielsweise zu einem Duschvorhang und seine sie zischt kaum hörbar: „Wenn du den nimmst, kannst du in diese Scheißbude endgültig alleine ziehen.“ Ein paar Meter weiter ist eine junge Frau gerade im Inbegriff, sich für Krusning zu entscheiden. Einen wirklich grässlichen Hängeleuchtenschirm in zerknüllt-und-weggeworfen-Papieroptik. Ihre Freundin streift ihn nur mit einem (zu recht) verächtlichen Blick und meint leise: „Lena, der geht goa ned. Der is genau so schirch wie der, den du schon hast.“ Vernichtende Blicke von Lena. Und ich schnell weiter. Zu einem etwas älteren Pärchen, von dem ich absolute Möbelhaus-beständigkeit erwarte. Er sagt ihr etwas ins Ohr, worauf sie das Wagerl schnappt und mit einer aufgestauten Aggression davonprescht, dass ich damit liebäugle, den armen Mann an der Hand zu nehmen, um ihn heim zu begleiten. Das Streitpotenzial in diesem Schmelztigel der Beziehungsprobleme ist enorm.
Gedankenbelagert lasse ich mich schließlich von einer Großfamilie Richtung Lagerhalle zur Selbstabholung treiben. Warum schafft es dieses Einrichtungshaus, dass sich Leute so in die Haare kriegen? Wie wird einem hier eingeredet, man könnte es besser, wenn man sich nur mehr bemüht und warum lächeln die Mitarbeiter in diesen hässlichen gelb-blauen Hemden so wissend, wenn man erwartungsgemäß kläglich scheitert?
Ich will jetzt raus. An der Kassa eine elends lange Schlange, Kinder die nach dem 1-Euro-Eis am Ausgang  bitzeln und Paare, die sich genervt voneinander abwenden. Gleich werden sie viel zu viel Geld für Möbel zahlen, die sie selbst aufbauen müssen. Und auch wenn sich alle geärgert haben, werden sie sadistisch in die Wiederholung gehen. Wie wir damals.
An der Kassa dann eine freundliche Dame. Vielleicht erkennt sie mich wieder und weiß, dass sie auch an meinem damaligen Beziehungsende mitgewirkt hat. Sie fesselt mich mit einem fordernden Blick. „Was haben Sie sich denn ausgesucht?“ will sie wissen. Ich schaue mich um und an mir herunter. Ich sehe in meine leeren Hände und murmle von mir selbst überrascht: „Ich hab gar nichts mitgenommen ... Das hab ich wohl in der Aufregung  vergessen.“ Die Frau ist verdutzt. Ich auch ein bissi. Will aber nimmer umdrehen und verlasse das zwischenmenschliche Horrorhaus tatsächlich ohne etwas gekauft zu haben. Aber ich brauche diesen einen Bilderrahmen. Und muss deshalb heute noch einmal hin ...


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