Showdown
Es gibt
diese Momente im Alltag, in denen man sich schmerzlich eingestehen muss, dass
man sein Leben grad nicht so gut im Griff hat. Dank einer Aneinanderreihung
unangenehmer Zwischenfälle, wurde ich mir heute Nachmittag meiner miserablen Lage bewusst.
Beim Aufwachen fühle ich mich, wie die letzten Tage schon, nicht fit. Ich
verzichte deshalb auf die morgendliche Dusche, bepinsel meine Wimpern mit dem Allernötigsten.
Notdürftig schnappe ich mir die letzte saubere Unterwäsche und ein halbwegs
gebügeltes (viel zu enges) Trägerleiberl. Vollends angezogen, schlafwandle ich in
diesem suboptimalen Zustand in den Verlag. Zu Mittag breche ich das
Trauerspiel dort ab und schleppe meinen Kadaver zurück nach Hause.
Dort angekommen,
höre ich, wie mich mein Spiegelbild anschreit.
Ich solle bei dieser Problemhaut doch bitte wenigstens ein bisserl Make-Up
auflegen, bevor ich gleich auf die Bibliothek fahre. Um dort niemanden zu erschrecken gehorche ich widerwillig, suche nach etwas, das mich abdeckt, vergreife mich dabei und höre,
wie die Flasche meines Lieblingsparfums theatralisch auf dem Fliesenboden zerschellt. „Ageh!,“
stöhnt mein Spiegelbild vorwurfsvoll. Während ich ihm den Mittelfinger
zeigen will, trete ich auf eine Glasscherbe und versuche darauf hin humpelnd das
parfümierte Chaos mit Frischetüchern zu neutralisieren. Meine innere Uhr
erinnert mich (während ich auf Knien und mit blutiger Ferse am Boden rum
robbe), dass ich heute noch ganz unbedingt auf die Bib muss. Ich renne also zum Auto, parke unweit
und haste im Schnürlregen zum Zielgebäude. Dort angekommen schwitze ich virenbedingt wie Sau,
ziehe meine Jacke und den figurfeindlichen Pulli darunter aus.
„Das Buch, das Sie suchen, müssen Sie sich selbst aus dem Regal holen. Erster Stock. Theologie. Durch den
Lesesaal, dann links,“ lächelt mich ein angestellter Bücherwurm mitleidig an. „Freak“
denke ich und lächle zurück. Oben angekommen richte ich mich laut Anweisung zielsicher in Richtung Lesesaal. Ein paar
Theologiestudenten bestätigen jedes platte Vorurteil über diesen Schlag Mensch. Einer der untersetzten Brillenträger lächelt mich nächstenliebend an. „Freak“ denke ich
und lächle ähnlich-liebend zurück. Man muss zu denen ja nett sein – bestimmt haben
sie während ihrer Ausbildung bereits Gott persönlich kennen gelernt. Der Weg durch den geistlichen Bildungsraum wird zum Spießrutenlauf, mich treffen unangenehm viele Blicke unattraktiver
Gottesanhänger. Erst jetzt bemerke ich, dass ich – dank Glassplitter im Fuß –
humpel, meine Schuhe klimpern und ich störe! Als ich endlich ankomme, fällt mir neben
meinem Wunschbuch eine Plexiglasfront auf. Darin spiegelt sich eine gruselige
Gestalt. Regennasse Haare, die strähnig im Gesicht kleben. Verlaufene Wimperntusche.
Stresspickel. Bekleidet mit einem für diese Jahreszeit absolut unpassenden,
durchsichtigen Trägershirt samt (sehr) schlecht sitzendem BH darunter. Kurz inne
haltend rieche ich den penetranten Chemieblumen-Geruch der augenringbehafteten Frau. Vergebend und mitleidig lächle ich
mir zu und denke „Freak.“



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