Showdown

Es gibt diese Momente im Alltag, in denen man sich schmerzlich eingestehen muss, dass man sein Leben grad nicht so gut im Griff hat. Dank einer Aneinanderreihung unangenehmer Zwischenfälle, wurde ich mir heute Nachmittag meiner miserablen Lage bewusst. 

Alles begann vor ein paar Wochen (oder waren es Monate...) als ich bei einem Glas Alkohol versprach, meine Masterarbeit noch in diesem Jahr fertig zu kriegen. Neben meiner beiden Jobs lief das Vorhaben erst holprig, dann ganz o.k. und seit kurzer (oder schon langer....) Zeit, verbringe ich einen Großteil meines Lebens vorm Mac. Das macht mir nichts, ehrlich. Irgendwann hab ich mich an das isolierte Dasein gewöhnt. Ich finde es nicht traurig, auf den Rat meiner Physiotherapeutin hin, den wissenschaftlichen Ballast auch mal mit auf den Teppich zu zerren. („Sie müssen ihrem Körper zeigen, dass er mehr als nur sitzen kann Frau S. Schreiben Sie doch mal am Boden.“) Und die Tatsache, dass ich von früh bis spät nur noch tippe, tangiert mich bei all den Umständen genau so wenig, wie die Eintönigkeit meiner Mahlzeiten, die sich meist aus Instant-Nudeln und alten Keksen zusammen setzen. Es verändert mich nicht und macht mich auch zu keinem dieser Unifreaks, die wissenschaftliche Theorien, Methoden und Hypothesen durchdenken, während sie einen abwesend anlächeln. Ich bin noch normal. Dachte ich. Bis zum Showdown heute Nachmittag. 
Beim Aufwachen fühle ich mich, wie die letzten Tage schon, nicht fit. Ich verzichte deshalb auf die morgendliche Dusche, bepinsel meine Wimpern mit dem Allernötigsten. Notdürftig schnappe ich mir die letzte saubere Unterwäsche und ein halbwegs gebügeltes (viel zu enges) Trägerleiberl. Vollends angezogen, schlafwandle ich in diesem suboptimalen Zustand in den Verlag. Zu Mittag breche ich das Trauerspiel dort ab und schleppe meinen Kadaver zurück nach Hause. 
Dort angekommen, höre ich, wie mich mein Spiegelbild anschreit. Ich solle bei dieser Problemhaut doch bitte wenigstens ein bisserl Make-Up auflegen, bevor ich gleich auf die Bibliothek fahre. Um dort niemanden zu erschrecken gehorche ich widerwillig, suche nach etwas, das mich abdeckt, vergreife mich dabei und höre, wie die Flasche meines Lieblingsparfums theatralisch auf dem Fliesenboden zerschellt. „Ageh!,“ stöhnt mein Spiegelbild vorwurfsvoll. Während ich ihm den Mittelfinger zeigen will, trete ich auf eine Glasscherbe und versuche darauf hin humpelnd das parfümierte Chaos mit Frischetüchern zu neutralisieren. Meine innere Uhr erinnert mich (während ich auf Knien und mit blutiger Ferse am Boden rum robbe), dass ich heute noch ganz unbedingt auf die Bib muss. Ich renne also zum Auto, parke unweit und haste im Schnürlregen zum Zielgebäude. Dort angekommen schwitze ich virenbedingt wie Sau, ziehe meine Jacke und den figurfeindlichen Pulli darunter aus. 
„Das Buch, das Sie suchen, müssen Sie sich selbst aus dem Regal holen. Erster Stock. Theologie. Durch den Lesesaal, dann links,“ lächelt mich ein angestellter Bücherwurm mitleidig an. „Freak“ denke ich und lächle zurück. Oben angekommen richte ich mich laut Anweisung zielsicher in Richtung Lesesaal. Ein paar Theologiestudenten bestätigen jedes platte Vorurteil über diesen Schlag Mensch. Einer der untersetzten Brillenträger lächelt mich nächstenliebend an. „Freak“ denke ich und lächle ähnlich-liebend zurück. Man muss zu denen ja nett sein – bestimmt haben sie während ihrer Ausbildung bereits Gott persönlich kennen gelernt. Der Weg durch den geistlichen Bildungsraum wird zum Spießrutenlauf, mich treffen unangenehm viele Blicke unattraktiver Gottesanhänger. Erst jetzt bemerke ich, dass ich – dank Glassplitter im Fuß – humpel, meine Schuhe klimpern und ich störe! Als ich endlich ankomme, fällt mir neben meinem Wunschbuch eine Plexiglasfront auf. Darin spiegelt sich eine gruselige Gestalt. Regennasse Haare, die strähnig im Gesicht kleben. Verlaufene Wimperntusche. Stresspickel. Bekleidet mit einem für diese Jahreszeit absolut unpassenden, durchsichtigen Trägershirt samt (sehr) schlecht sitzendem BH darunter. Kurz inne haltend rieche ich den penetranten Chemieblumen-Geruch der augenringbehafteten Frau. Vergebend und mitleidig lächle ich mir zu und denke „Freak.“


Prolog: An alle, die mich während dieser hässlichen Zeit so liebevoll begleiten: Wir haben es bald geschafft!

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