ALL inclusive

Wir stehen inmitten übergewichtiger Deutscher und Russen, in einem Sprühkerzen-Lichtermeer und wippen zu „Heal the World“, während mir bewusst wird, dass das Attraktivste an meinem Erscheinungsbild mittlerweile wohl nur noch der Mann an meiner Seite ist.
Was ist passiert und wie zur Hölle konnte es so weit kommen?

Wir sind ja eigentlich kein Pauschalurlaub-Paar. Für gewöhnlich – ziemlich oft – buchen wir Flüge und besorgen uns ausklappbare, bunte Landkarten, die uns durch fremde Örtchen, Städte und zu menschenleeren Strandabschnitten lotsen. 
Wir sind die Generation der supercoolen "Individual-Reisenden", die bewusst ALLES anders machen um dann doch das genau Gleiche sehen, wie schon jeder vor uns auch. Wir meiden Menschenansammlungen, weil wir uns dann besonders fühlen und loben uns am Ende des Tages über den grünen Klee, weil wir so unendlich selbstständig und unique sind. Wir verherrlichen Plätze, die wir eigenständig finden, zelebrieren jedes Essen nach stundenlanger Restaurantsuche und wissen, dass wir zusammen ALLES schaffen, weil wir alleine alles finden. 
Als uns letzte Woche immer mehr Wasser und in Folge auch irgendwann die Decke auf den Kopf gefallen ist, passierte etwas Untypisches. „All inclusive! Da kümmert sich jemand um alles und wir uns mal um nix. Was meinst du?“, pries P mir das Gruppenurlaubsangebot im Internet an. Erst hab ich mich gewehrt, das Argument SONNE als schlagend anerkannt und mich zwei Tage später in eine Clubanlage an der türkische Riviera verfrachten lassen. Meine anfänglichen Zweifel? Von türkisblauem Ozeanwasser und Gratis-Raki wie weg geschwemmt... Der Erwachsenenpool – ja Gott habe ihn selig– löste das fast menschenleere Meer als Badewanne ab und umgekehrt. So toll Kinder sein mögen, wenn es nicht die eigenen oder die von wirklich sehr sehr lieben Freunden sind, will ich im Urlaub vermeiden, meine Haare in einem Gemisch aus ihren Körperflüssigkeiten und Chlor zu tunken. 
Tja...und so vergehen die Tage im Schlaraffenland. Man steht auf, isst, liegt, isst, liegt, isst... Die manchmal aufflackernden Gewissensbisse wegen unendlicher Faulheit, werden von Animateuren weg gelächelt und irgendwann ertappt man sich dabei, wie man auf seinem prall gefüllten All-inlusive-Teller Nudeln zu Pommes lädt, ohne dabei nur einen Hauch von Unbehagen zu empfinden. Aussehen ist in solchen, von der Öffentlichkeit völlig abgeschiedenen Anlagen, ebenfalls komplett zweitranging. Sicher, manche brezeln sich zum Abendbuffet so auf, wie sie es daheim niemals wagen würden. „Ein Kleid, für den Urlaub“ kombiniert Tigerprints mit Neonfarben. Erlaubt ist alles! Gefährlich hohe Stilettos zu verherrend-aussehenden Taschen und die krebsrot-verbrannte Haut zu zartrosa, spannenden Hemden. Aber im Allgemeinen ist die Optik Wurscht. Bereits an Tag zwei gebe ich mich dem hin und höre auf, meinen Bauch einzuziehen. Ich blende jede Bewertungsskala ihn betreffend aus, begrabe unser Kriegsbeil und lasse ihn einfach in der Sonne braun anbraten. Wie die anderen auch, lasse ich mich in dieser herrlichen Isolation einfach gehen. (Der Einzige, der andauernd beleidigend zum Anbeißen ausschaut, ist nach wie vor P, der die GILFS - G für Grannies... - mit einem gekonnten Augenzwinkern in Wallung bringt.)
Nach dem allabendlichen Raki-Gelage schleppen wir uns mit zahlreichen anderen Nicht-Bauch-Einziehern (ja, hier sind wir alle gleich) zur Abendshow, wo heute Michael Jackson tänzerisch geehrt wird. Kurzzeitig bin ich nicht sicher, ob diese heile Welt dort mitbekommen hat, dass der sich nimmer auf seiner Neverland-Ranch vergnügt... höre das ferne Rauschen der Wellen, schmecke die Reste der honigsüßen Nachspeise und verwerfe meine Überlegungen, während P vom Weltheiler- zum Clubtanz übergeht. „Wir machen SO Cluburlaub,“ grinst er und wird dabei im Augenwinkel von kohlenhydrat-liebenden, betagten Damen gierig beäugt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, den Bauch doch einzuziehen und mich revier-absteckend zu positionieren. Mag mich dann aber nicht so viel bewegen... 
Am letzten Tag sind wir wehmütig und ich zu ungelenkig, um mir meine viel zu enge Jeans im Stehen anziehen zu können. Ich fühle mich schwer und träge. Und unendlich erholt und glücklich. Wieder daheim, vorm Einschlafen, versprechen wir uns Liebe, auch wenn wir fett werden. (Eigentlich hole nur ich mir das Versprechen. Ps Figur scheint keinen ersichtlichen Schaden vom Mästurlaub genommen zu haben.) Wir garantieren uns also Zuneigung trotz Ausdehnung und dass wir irgendwann in den nächsten zehn Jahren noch mal Cluburlaub machen. 
Und morgen eine Gemüsesuppe am Abend.

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