Erziehungssache?


Gestern Abend. 18:30 Uhr. Spar um die Ecke. Ich schlurfe mit Stoffsackerl bewaffnet durch die Gänge der Versuchung und zeichne gedanklich bereits das bekannte Bild, auf dem ich mich viel zu schwer bepackt nach Hause schleppe. Ich lande bei der Brot-Theke, stelle mir vor welche Variante (gibt es mittlerweile mit Roggen, Kerndln, Sauerteig und whatever) wohl am Besten zum gerade gegönnten Nutella passt. Dazu hocke ich mich hin, inspiziere die abgepackten Brot-Sackerl, die in tiefer gelegten Regalen angeboten werden. Eine Stimme in fürchterlich nerviger Tonlage reißt mich aus meinem Schokofett-Traum. „Schau Naomi! Das ist wieder SOO typisch!“ schimpft die lästige Frequenz in österreichischem Hochdeutsch. Ich schaue auf zu einer sehr untergewichtig und noch mehr übersäuerten Mutter Mitte 40. Ihr blondes Haar „in Bewegung“ geföhnt. (Soll aussehen, als wäre zufällig der Wind einfahren und als mache ihr das wegen ihrer neu erlangten Gelassenheit gaaar nix aus; der Frisör kassiert dafür 55 Euro). Die Luis Trenker Patscherl passen zum Kleidchen von Naomi. Nach dem Kaiserschnitt hat sich Mami-Perfect bestimmt unter Einfluss von schmerzhemmenden Drogen für diesen Namen entschieden. In der Hoffnung eine dunkelhäutige Göttin großziehen zu dürfen... Leider hat Klein-Naomi darüber keiner in Kenntnis gesetzt und  so legt sie bereits mit ihren fünf Jahren die Stirn ihres Bratpfannen-Gesichts in Falten. (Ganz abgesehen von all dem, wird mit höherem Alter bei ihr die Beistrichsetzung mal ein wichtiges Thema: „Na, Omi kommst du auch?“) – Ich schweife ab... 
„Das is echt unmöglich, dass die NULL Auswahl beim Brot haben, da hat´s euch immer ein bissl bei der Planung! Was, mein Freund...?“ Die inzwischen leicht errötete Möchtegern-Milf zischt den hilflosen Gebäck-Verkäufer mit Sparkapperl an, der FIX ned ihr Freund sein will! Als sie ein Sackerl mit Semmeln aufhebt und dieses wutentbrannt hinschmeisst, beschließe ich, mich aus meiner passiven Brotinspizier-Hocke zu erheben. Dank meiner knapp 1,80 schaffe ich es so auch manchmal, von oben herab wirken zu können. „Wissen Sie...,“ starte ich den Angriff auf die untersetzte, personifizierte Überheblichkeit. „Es ist ja schon spät. Da ist das glücklicherweise schon leer gekauft. Sie sollten üben, ein bissl freundlicher zu sein. Das würde Falten vermeiden!“ Die Bratpfannengesicht-Mama schaut mich verdutzt an. Ich frage mich, ob sie in ihren Yoga- oder Kochkursen (für vegane und basische Küche) tatsächlich nie darüber aufgeklärt wurde, wie viel jeden Tag sinnlos weg geschmissen wird. SICHER backen die nicht am Abend nochmal extra neu für dich. Bitch. (Wichtiges Memo: Den letzten Satz + Schimpfwort DENKE ich nur!) Ihre Augen funkeln trotzdem böse. Klein-Naomi starrt mich mit offenem Mund an. Der Verkäufer grinst, als hätten der Drache und ich uns zum Schlammkampf bereit erklärt. Ich wende auf Zehenspitzen und erhobenen Hauptes. Drehe dann nochmal um, um wahllos Brot zu schnappen und mein Körberl nach zu holen (Immerhin bin ich auf Nutellabrot eingestellt). 
Beim entrüsteten Weg zur Kassa frage ich mich, wann normale, nette Menschen zu solch abwertenden Ungetümen werden. In der Schule, wo sie sich so viel hübscher und schlauer als andere fühlen? Weil Mama und Papa tolle Jobs haben? Mit dem unlustigen Ehemann, den sie seines Kontostandes wegen geheiratet haben? Nach der ersten OP, die sämtliche Anzeichen von Menschlichkeit aus ihrer Mimik gestrafft hat? Zu viel Lob? Zu wenig Liebe? Gut, das sind jetzt verallgemeinerte Vorurteile. Aber dass man von Geburt an ein Arschlochmensch ist, kann nicht sein. Warum glauben manche Menschen andere zur Zielscheibe ihrer sozialen Verkrüppelung machen zu müssen? Wundert Naomi das noch? Oder ist die Wertlosigkeit eines Angestellten für sie ein Lehrkapitel ihrer Erziehung wie das „schön sprechen“?  Schimpft die verbitterte Mama wirklich wegen dem bisserl Brot oder wegen ihres mangelnden Glücks? Eigentlich ist es mir wurscht. Wirklich. Wenn ich mir aber etwas wünschen dürfte, dann dass diese unbefriedigten, manikürten Hungerhaken entweder mal einen Schlag auf den gestylten Hinterkopf bekämen um danach ein bissl dankbarer zu sein. Oder dass sie zumindest schon vor 18:30 Uhr einkaufen gingen, damit ich mir ihre unerträgliche Überheblichkeit nicht antun muss. Danke :-)
 

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