Das Schweigen der Männer

Männer sind toll. Sie sagen was sie denken und können stundenlang neben einen Zeitung lesen ohne auch nur einmal den Drang zu verspüren eine vielsagende Konversation starten zu müssen. Und wenn sie was sagen, tun sie es meist unverblümt und so treffend, dass der Interpretationsspielraum der Aussage sich auf gleich null beschränkt. 
Sie bringen es auf den Punkt und sind manchmal verletzend, wenn sie sagen was sie denken, ohne daran zu denken was wir darüber denken. Männer sind praktisch und können einparken. Und sie wissen bereits während ihre Mütter noch an postnatalen Depressionen leiden (weil sie heimlich gehofft haben, der Arzt könnte beim Ultraschall das kleine Stück Männlichkeit mit einem Füßchen ihrer heranwachsenden Tochter verwechselt haben) wie man mit Holz, Autoreifen und leer getrunkenen Bierflaschen umgeht. Männer lachen über schlechte Witze und aufgelegte Schlagfertigkeiten. Ich mag sie wirklich. Aber manchmal sind sie ganz schrecklich umkommunikativ.
Sicher, es gibt Ausnahmen. Wie die meisten wissen, verbringe ich sogar den Großteil meiner Zeit liebend gerne mit einer untypisch redseligen Gattung dieser Spezies. 
Meistens - so hat es mir die Erfahrung gelehrt - wollen Männer aber nicht alles mitteilen was sie wissen. Wenn dann nur auf pointiert-stichelnde Nachfrage. Oder wenn wir Frauen genervt die Augen rollen, sodass sie etwas ausführen MÜSSEN. Dabei ist es egal ob Mann, Bruder, Papa oder bester Freund: Stundenlange Termine in der Arbeit, Dates (nicht bei ersterem) oder durchzechte Nächte sind immer kurz und  kompakt mit „Gut“ oder „Schlecht“ oder „OK“ zusamen gefasst. Einzig eine rudernde Handbewegung meinerseits und das Starren auf ihre Münder, die vielleicht gleich mehr Infos raushauen, können den Redefluss anregen. Teilweise.

Berufsbedingt führe ich ja meistens Gespräche mit Frauen. Ich finde es toll, wie sie in Interviews abschweifen und Geheimnisse erzählen um mir dann zu sagen, dass das niemals jemanden erfahren darf. Noch während sie mir ihr Herz über dem Aufnahmegerät ausschütten, entschuldigen sie sich schon dafür um im nächsten Satz wieder eine intime Privatheit raus zu hauen.
Wir Frauen sind einfach so.
Wir wollen ein möglichst gutes Bild von uns zeichnen. Wir machen uns schrecklich viele Gedanken darüber, was irgendjemand von uns denken könnte und reden uns dann doch alles irgendwie von der Seele, um Meinungen, Reaktionen und Ratschläge einzuholen. Dabei machen wir  uns aber so viele Sorgen, was unser Gegenüber von uns denkt, dass wir ein schlechtes Gewissen kriegen. Wir haben so gelernt Monologe zu führen, bei denen wir uns oft selbst vor uns rechtfertigen, ja sogar widersprechen!  

In den letzten Tagen habe ich es in der Arbeit vermehrt mit Männern zu tun. Tatsächlich bekomme ich am Häufigsten die Antworten JA oder NEIN zu hören. Für sie gibt es kein „Ich verstehe... ABER...“, für sie gibt es Bestätigung oder Verneinung. Wie beim Bundesheer. JAWOHL Oberbefehlshaber! Vielleicht haben die das wirklich dort so gelernt und kriegen es nicht mehr raus....
Ich erinnere mich an die PR-Dame von gestern. PR-Ladies sind von der ganz ausgeprägt-mitteilungsbedürftigen Sorte. Sie fachsimpeln am Telefon über Presseaussendungen, Fotos, das Wetter und Schwiegermütter als gäbe es kein Morgen – oder keinen Kostenzähler am Display.

Männer sind anders. 
Schon beim Abheben brummt mein heutiger Telefonpartner etwas Unverständliches in den Hörer. Dann meine Anfrage nach ein paar Fotos seiner Homepage für unser Magazin. Es folgt... Stille. In der Annahme, dass der Herr am anderen Ende leise nickt, weil verstanden, erläutere ich weiter. Kein Smalltalk. Keine Emotionen. Nichts zwischen den Zeilen. Eher ein Referat, das ich streberlike gut vorbereitet und mit kleinen Handzettelchen halte. 
Ich frage mich heimlich, welches Bild der Brummer am Hörer wohl von mir hat. Glaubt er, dass ich zu viel rede? Spreche ich zu schnell? Ist er gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt? Nervt ihn meine Anfrage etwa sogar...?
„Schicki. Pfiat Ihna“, höre ich noch, bevor der Freiton ertönt- ja mir richtig ins Ohr schreit. Ungläubig starre ich auf meinen Hörer in der Hand. Hat er...? JA. Er hat aufgelegt. Information ausreichend. Er wird mir Fotos schicken. Ohne viel Blabla. 
Männer sind ja so herrlich praktisch. Wahnsinn, wie kurz man die wichtigsten Dinge mit ihnen klären kann. Ohne Ausschweife geht’s mit ihnen ans Ziel. Zack-Bumm.Volle Kraft voraus und auf zu neuen... Es läutet. Ich hebe vorsichtig ab und lausche einer hektischen Frauenstimme: „Hallo, ich rufe wegen der angefragten Fotos an. Sie haben gerade mit meinem Mann gesprochen. Er konnte mir leider nicht genau sagen, worum es geht und wollte, dass ich nachfrage. Wissen Sie, seine Aufmerksamkeitsspanne ist manchmal sehr kurz. Auch, wenn es um unsere Beziehung geht. Aber so ist das wahrscheinlich wenn man schon 23 Jahre verheiratet ist. Wie war nochmal ihr Name...?“
Ich lehne mich zurück. Wir sind wieder unter uns.

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