Nichts als die Wahrheit


Manchmal tut eine Unwahrheit weniger weh, als etwas Wahres.
Hin und wieder ist es ok angelogen zu werden und nicht ganz ehrlich zu sich selbst zu sein.
Die neue Frisur einer Bekannten sieht – aus Respekt und Nettigkeit – „besonders“ und nicht wie eine Vollkatastrophe aus. Das Kleid der Freundin sitzt „ganz gut“, ohne auf das fatale Farbspiel aufmerksam zu machen. Das mit der Umwelt, der Korruption und den Zuständen in armen Ländern ist „eh nicht so tragisch“ anstatt es als immer weiter voranschreitendes Drama zu deklarieren. 

Wir tun uns manchmal mit Lügen leichter als mit der Wahrheit. Die ist oft bitter. Und so auf den Punkt gebracht, dass man nicht mit ihr umgehen kann.
Wir wollen von den Meteorologen angelogen werden. Und von Ernährungsexperten. Und ich auch vom Optiker. 
Alles ist bitte „eh nicht so schlimm.“ ...Das wird schon.
Tief drinnen weiß man meist eh, dass in dem Gesagten die Unwahrheit Walzer tanzt. 
Aber die Melodie klingt manchmal so viel schöner...
Heute Früh habe ich beim Einkaufen eine alte Bekannte wieder getroffen. Gespräche dieser Art verlaufen ja meist so:  
Hey, wie geht’s dir? Gut und dir? Danke auch gut. Ich habs eilig, bis bald. Ja, bis bald. Vielleicht gehen wir mal auf einen Kaffee. Ja voll gerne. Meld dich. Pfiati. Tschüss.
Heute hatte ich keine Lust auf schönen Schein. 
Auf die Frage wies mir geht habe ich ehrlich geantwortet: „Ich bin saumüde, weil mich das Wetter wahnsinnig macht. Ich ärgere mich noch immer, dass eine hohle Nuss jetzt in meiner Wohnung wohnt und ich weiß, wenn ich in die Arbeit komme, habe ich so viel Mails wie die FPÖ Anhänger in der Steiermark. Aja...und ich hab einen Muskelkater im Ar*ch von dem komischen Gerät im Fitnesscenter, das ich sicher falsch bediene."
Sie schweigt. Und starrt. Sie ist - wie man es halt ist - maßlos überfordert mit der Wahrheit. 
Ein „Danke gut.“ hätte sich doch so leicht gesagt und wäre für sie bestimmt so viel einfacher zu verkraften gewesen. Wie soll sie denn jetzt mit all den direkten Wahrheiten umgehen?
Ein höfliches „Das wird schon wieder“ oder ein „Oh, diese schlechten Tage hat jeder mal“...? Sie schaut auf meine Einkäufe. Weicht sie jetzt etwa mit einem Witz aus?
Ich breche den Bann und sage was von eilig-haben, Verkehr und Büro...
„Boxen“. Was? „Versuchs mit Boxen.“ Ich schiebe meine Augenbrauen so komisch zusammen, wie ich es immer tu wenn ich etwas nicht verstehe oder verstehen will.
„Seit mein Freund mich betrogen hat, ich gekündigt wurde und wie durch Geisterhand 7kg zugenommen habe, boxe ich.“
Ich lächle sie an. Die Wahrheit macht einen verletzlich. Und zieht den Stecker für den schönen Schein. Und sie macht – wenn man sie mal laut ausspricht - sympathisch.
„..und die sagen, ab morgen wird´s eh wieder schöner!“



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